Zornige Worte in der Kirche

Veröffentlicht am 16.04.2010 in Allgemein

WAZ, 16. April 2010

Heftige verbale Auseinandersetzung über geplante Wiedereröffnung der Deponie Marbach

Wütend und am Schluss vielfach resigniert reagierten am Mittwochabend mehr als 200 Menschen in der Gethsemane-Kirche in Hamme auf die Ausführungen zur geplanten Erweiterung der Thyssen-Krupp-Nirosta (TKN)

Deponie Marbach. Auf Drängen vieler Bürger Hammes hatte Mitte-Bezirksbürgermeister Dieter Heidt zu dieser Bürgerversammlung eingeladen, die mehrfach drohte, aus dem Ruder zu laufen. Doch, der Reihe nach:

Zu Beginn hatte Pfarrer Alfred Labusch als Gastgeber die Teilnehmer gemahnt, „die Würde des Ortes zu achten".

»Es ist ein Bollwerk, was in die Landschaft gesetzt werden soll««

Doch es sollte sich sehr bald zeigen, dass die Nerven bei vielen blank lagen. Zu Beginn erläuterte Dr. Verena Schulz-Klemp von Thyssen-Krupp das Vorhaben des Edelstahlherstellers, die Deponie wieder in Betrieb zu nehmen und als Ablagefläche von insgesamt rund 900 000 Tannen Schlacken und feuerfesten Materialien zu nutzen. „Ohne Schlacke geht es nicht. Doch ich versichere, dass diese Stoffe nicht gesundheitsschädlich sind."

Wie berichtet, hat TKN beantragt, die seit 1986 ruhende Deponie wieder in Betrieb zu nehmen und das Fassungsvermögen erheblich zu erweitern. Gutachten für das Planfeststellungsverfahren bestätigten dem Konzern, dass dies grundsätzlich möglich sei. Thyssen-Krupp ist außerdem verpflichtet - unabhängig vom Weiterbetrieb der Deponie -das Gelände dauerhaft zu sichern. Die Gutachter fanden heraus, dass im Boden bereits reichlich problematische Stoffe (etwa Cyanide und PAK, also Teere) eine Gefahr für das Grundwasser darstellen.


Bürgeranhörung zur Marbach Deponie in der Ev. Gethsemane-Kirche in Hamme: Viele Teilnehmer machten ihrem Unmut über die Wiederbelebung der Deponie Luft, nachdem Stadt und Thyssen-Krupp sich zum Stand des Verfahrens geäußert hatten. Foto: Karl Gatzmanga

Kratzsch, der vor allem die rechtlichen Möglichkeiten und das Prozedere erläuterte, und Jörg Gimpel, Leiter der Umweltbehörde in Hagen, die für die Genehmigung zuständig zeichnet. „Mittlerweile liegen bei uns über 100 Einwendungen vor." Die Stellungnahme der Stadt, so Dr. Kratzsch, werde gerade erarbeitet, wobei die Bedenken der Hammer Bevölkerung berücksichtigt würden. Im Mai wird der Umweltausschuss diese Stellungnahme beschließen, ändern oder ablehnen.

Doch Verweise auf Gutachten und Prognosen reichten den aufgebrachten Teilnehmern nicht. Beispiele von Wortbeiträgen sprechen für sich: „Es ist zynisch und menschenverachtend, wenn Thyssen-Krupp davon spricht, in sei eine Deponie ein Exponat", so Martin Rogge.

Detlef Hallmann, der bewusst mit Frau und Kind erschienen war, warnte vor „dem Bollwerk, was da in die Landschaft gesetzt werden soll". Norbert Kriech von der SPD-Hamme fragte: „Warum sind Politik und Öffentlichkeit so spät informiert worden?"

Unabhängig von den unterschiedlichen Interessen von Stahlkonzern und Anwohnern, zeigte sich, dass 'verschiedene Sprachen' gesprochen wurden. Während Stadt und Konzern von „Schutzansprüchen", „Gutachten", „Prognosen" oder „Flächennutzungsplänen" sprachen, äußerten die Bürger mit teils drastischen Worten ihre Ängste und Befürchtungen. Da war vom „Schmierentheater" oder „Wir lassen uns hier doch nicht verarschen" die Rede.

Gertrud Labusch, Sprecherin der Hammer Runde, zog am Ende eine nüchterne Bilanz: „Ich höre mit Befremden, dass die Verwaltung hier eher die Interessen von Thys-senKrupp vertritt als unsere Interessen." Zuvor hatte eine Jugendliche aus Hamme, mit fester Stimme ihren Zukunftswunsch vorgetragen: „Ich möchte einfach in einer natürlichen Umgebung leben."

PLANFESTSTELLUNGSVERFAHREN

Erörterungstemin steht noch aus
Das Planfeststellungsverfahren zur Wiederöffnung der Deponie Marbach läuft derzeit. Nachdem die öffentliche Auslegung des Antrags abgelaufen ist, werden nun die Stellungnahmen von Bürgern, der Stadt und betroffenen Verbänden von der zuständigen Umweltbehörde in Hagen gesammelt und anschließend bewertet. Bevor dort eine Entscheidung fällt, ist noch ein öffentlicher Erörterungstermin zwingend vorgeschrieben. Die Stadt Bochum kann die Deponie-Eröffnung nicht verhindern. Ihrer Stellungnahme wird jedoch von Fachleuten ein großes Gewicht beigemessen.

KOMMENTAR
Der Koloss von Hamme

Michael Weeke

Es ist sind nicht die Fakten, die erschrecken, es sind auch keine eiskalten Stahlbarone oder Bürokraten am Werk, die nach Gutsherrenmanier diese Deponie durchpeitschen wollen. Wer so argumentiert, liegt meiner Meinung nach daneben. Dieser Konflikt greift tiefer. Heute geht die Schwerindustrie, anders als noch vor 30 Jahren offener mit Problemen um, stellt sich, wie am Mittwoch der Diskussion.

Der Frust der Menschen, die diese Bürgerversammlung erlebten, ist trotzdem mehr als verständlich. Denn das Gefühl vieler der über 200 Zuhörer, hier sei ohnehin schon alles gelaufen und abgesprochen, konnte sich tatsächlich beim genauen Hinhören einstellen.

Es ist der Frust von Menschen, die sich in Hamme vielleicht ein Häuschen geleistet, den Wandel zum Positiven in den letzten Jahren erlebt haben und die nun nicht nur bildlich gesprochen etwas vors Auge bekommen: Der in der Spitze mindestens 35 Meter hohe Deponieberg, ein Koloss, ob begrünt oder nicht, wird die Landschaft extrem verändern und zwar zum Negativen.

ONLINE Forum: DerWesten.de/marbach

 

SPD Ortsverein Bochum Hamme

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