Die Basis SPD-Ortsverein Bochum-Hamme

Veröffentlicht am 24.04.2010 in Allgemein

FAZ, 24. April 2010

Immer wieder bekloppt

Bis die anderen Genossen zur Vorstandssitzung des SPD-Ortsvereins Bochum-Hamme kommen, machen es sich Rudolf Malzahn, Klaus Amoneit und Serdar Yüksel vor dem Vereinsheim Carolinenglück in den ersten warmen Frühlingssonnenstrahlen gemütlich. Kumpel der längst geschlossenen Kohlezeche Carolinenglück im Bochumer Stadtteil Hamme legten den gleichnamigen Schrebergarten einst an. Er ist ein typisches Ruhrgebietsidyll, eine Aber-Schönheit. Prächtig sprießt das Grün. In schönster Ordnung sind die Parzellen. Aber nur einen Steinwurf entfernt ist der rasende Alltagswahnsinn Tag und Nacht auf dem Ruhrschnellweg unterwegs. Regelmäßig dient das Vereinsheim auch als Wahllokal. Weit mehr als 50 Prozent der Leute in Bochum-Hamme machten selbst bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst ihr Kreuzchen bei der SPD, als die Partei deutschlandweit nur noch auf 23 Prozent kam.

Dass Hamme über alle Agenda-Anfechtungen hinweg eine sozialdemokratische Hochburg geblieben ist, hat auch mit dem zeitweise erbitterten Kampf zu tun, den Männer wie Rudolf Malzahn, Klaus Amoneit und Serdar Yüksel von der Bochumer Basis aus gegen die eigene Partei geführt haben. Nur zwei Wochen nach der sogenannten Agenda-Rede des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) im Bundestag am 14. März 2003 wandten sich die Bochumer Genossen gegen die Reformen. Beim Bundesparteitag wenige Wochen später stellte der Unterbezirk Bochum Änderungsanträge, in denen es um eine längere Bezugsdauer des Arbeitslosengelds I ging oder die Höhe des Schonvermögens für Hartz-IV-Empfänger. Damals waren die Bochumer die Quertreiber und Außenseiter. Ihre Vorschläge landeten in der Rubrik „abgelehnt, als erledigt angesehen". Damals stimmte Serdar Yüksel als einer von wenigen Delegierten gegen das Agenda-Paket.

In ganz Deutschland bekannt wurde der Ortsverein Bochum-Hamme dann aber „wegen dem bekloppten Clement", wie sein Vorsitzender, der 67 Jahre alte Malzahn, in schönstem Ruhr-Deutsch sagt. Wolfgang Clement, Schröders | Superminister | für Wirtschaft I und Arbeit, war "" vielen Genossen als treibende Kraft der Agenda-Politik verhasst. Endgültig aber zog er den Zorn auf sich, als er nur eine Woche vor der Landtagswahl in Hessen Anfang 2008 eindringlich vor der Energiepolitik der SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti warnte und von ihrer Wahl abriet. Die Genossen im OV Hamme strengten ein Parteiordnungsverfahren gegen den ehemaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und Bundesminister an, der damals Mitglied der Bochumer SPD war. Schnell schlossen sich weitere Ortsvereine quer durch die Republik an. Bis zur Bundesschiedskommission ging die Sache. Kurz nachdem das Gremium im November 2008 die Rüge der Bochumer
Schiedskommission bestätigte hatte, trat Clement aus der SPD aus. Für die Genossen in Bochum-Hamme, die gegen den Bundestrend allein in dieser Zeit zu ihren 160 Mitgliedern 20 neue hinzugewinnen konnten, war das der erste Triumph.

Den zweiten Triumph erlebten sie dann vor noch nicht einmal einem Monat, als das SPD-Bundespräsidium ein neues arbeitsmarktpolitisches Konzept beschloss, das unter anderem einen allgemeinen Mindestlohn, mehr Leistungen für Arbeitslose oder strengere Regeln für die Zeitarbeit vorsieht. „Meine Frau saß mit vor dem Fernseher und sagte: ,Wat erzählt der Gabriel denn da, das sagt ihr doch schon seit Jahren!'", erinnert sich Malzahn. Nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: „Jetzt sind wir auf dem Weg, wieder eine soziale Partei zu werden."
Am Abend, draußen wird es kalt, sind die achtzig Jahre alte Inge Friese, der 27 Jahre alte Michael Kriech und 15 weitere Genossen im Vereinsheim Carolinenglück zur Vorstandssitzung des SPD-Ortsvereins Bochum-Hamme zusammengekommen. Ehrengast ist Serdar Yüksel, den Malzahn als „einen von uns" vorstellt und der eine geschliffene Wahlkampfrede hält. Noch gibt es im Landtag in Düsseldorf keinen Abgeordneten mit Migrationshintergrund. Yüksel, 1973 in Essen geboren, möchte das am 9. Mai ändern. Zwar hätten seine Parteifreunde auch in Hartz-beschwer-ten Zeiten nicht an seinem Sieg im roten Bochum gezweifelt. Doch in diesem Wahlkampf fühlen sie sich wie befreit. Allenthalben erleben Yüksel und seine Parteifreunde im Straßenwahlkampf, dass die Leute wieder unverkrampft auf die SPD zukommen, weil wir sie „nicht mehr verarschen", wie einer der Vorständler sagt. Das einzige Ärgernis ist für die Genossen in diesem Wahlkampf, dass vermutlich Rechtsradikale schon zwanzig Yüksel-Plakate abgefackelt haben - die freilich längst von emsigen Genossen ersetzt worden sind. Wahlkampf ist in Bochum-Hamme noch echte Wert- und Fleißarbeit.

Während die Bedienung immer wieder die Falttür öffnet, um Pilsrunde auf Pilsrunde zu servieren, entspinnt sich über das neueste Projekt des Ortsvereins eine heftige Diskussion. Am 1. Mai wollen die Genossen Flugblätter gegen die Wiedereröffnung einer Mülldeponie von Thyssen-Krupp verteilen. Der frühere Stahlwerker und Gewerkschafter Malzahn weiß, dass auch bei dieser Aktion wieder mit heftigen Gegenreaktionen aus den eigenen Reihen zu rechnen ist. „Die Thyssen-Arbeiter werden uns für bekloppt halten und auf uns losgehen." Klaus Amoneit warnt dagegen eindringlich vor Verzagtheit und plädiert für einen Infostand. Auch in der Causa Clement habe sich schließlich langer Atem ausgezahlt.

REINER BURGER

 

SPD Ortsverein Bochum Hamme

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